SIE SIND IN DER GROSSEN STILLE, IN DER ALLE WIRKLICH GROSSEN BAUTEN SIND. ES IST DIE STILLE DER GROSSEN GESTALT UND DER GROSSEN ARCHITEKTUR.
Rudolf Schwarz zu den Kirchenbauten von Hermann Baur
Das Räumliche «Zwei Dinge überraschen den Eintretenden in der St. Laurentius-Kirche von Wülflingen: die schlichte Einfachheit und die feierliche Stille des Raumes. Zwei Ellipsen schwingen ineinander und überdecken sich im Altarfeld, überstrahlt von der schwebenden Decke, die wie eine Kuppel wirkt, deren Stützen als moderne Strebepfeiler aussen die Raumzylinder umfassen und gliedern und im Innern als schmale Betonpilaster in Erscheinung treten. So entsteht ein durch nichts gestörter und durchbrochener Einheitsraum von beglückender Stille und Feierlichkeit, der alle Blicke auf den Altar lenkt. Keine Zeltpfeiler, keine Parabelbögen, keine Raumzergliederungen; ein Gemeinschaftsraum von gelöster Schönheit und erhabener Stille.»
Künstler Pater Thaddäus Zingg (Auszug aus der Festschrift von 1959)
St. Laurentius in Wülflingen wurde von Hermann Baur, einem der prägenden Schweizer Kirchenbauarchitekten des 20. Jahrhunderts, entworfen und 1959 eingeweiht. Farbige Kirchenfenster und schwarzweisse Keramiktafeln von Ferdinand Gehr, sowie Marmor-Objekte von Albert Schilling vervollständigen St. Laurentius zum Gesamtkunstwerk. Im Rahmen der Gesamtrenovation wurde die über sechzigjährige Bausubstanz statisch überprüft und konstruktiv ertüchtigt. Ebenso wurden Gebäudehülle und Erschliessung an die geltenden Vorschriften angepasst. Die baulichen Eingriffe erfolgten unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Anforderungen. Die Sanierungsmassnahmen respektieren die architektonischen und atmosphärischen Qualitäten des Gebäudes, stärken sie wo nötig, erfolgen aber durchaus im Sinne Hermann Baurs, unauffällig und „möglichst lautlos». Nach Abschluss der Bauarbeiten erstrahlt der Sakralbau wieder in seiner ursprünglichen architektonischen Klarheit.
Das Dach von St. Laurentius wurde vom Winterthurer Bauingenieur Arnold Sabathy konzipiert. Es ist als vorgespannter Beton-Trägerrost ausgebildet, welcher auf einem Ring von Betonstützen aufliegt und den Kircheraum von ca. 800m2 frei überspannt. Das Tragwerk ist in beide Richtungen vorgespannt und mit einer Ringvorspannung verankert. Die 690 Kassetten weisen bei gleichbleibender Grundrissdimension von 85×85 cm und einer Rippenstärke von 15 cm unterschiedliche konstruktive Höhen auf. Über dem Chor bildet das Dach eine flache Kuppel, über dem Hauptraum eine gegen den Eingang ansteigende, leicht gekrümmte Schale.
Wie bei vielen Kirchen von Hermann Baur ist die schlichte Deckengestaltung auch bei St. Laurentius von zentraler Bedeutung für die sakrale Raumatmosphäre. Eine als Rabitzdecke ausgebildete Bekleidung aus weissem Akustikputz unterspannt das komplexe Deckengebilde, entmaterialisiert es förmlich und lässt den Kirchenhimmel schwebend leicht und nach oben offen erscheinen.
Orgel und Empore Mit dem Einbau einer grossen Orgel auf der Empore um 1970 wurde die Tageslichtführung an der Ostfassade empfindlich gestört. Der für die Tragwerksanierung ohnehin notwendige Rückbau der Orgel bot die Chance zur Wiederherstellung des architektonischen Gleichgewichtes. Die alte Orgel wurde zerlegt, gereinigt und in den eigens dafür vorgesehenen Raumnischen hinter der Empore, unter Wiederverwendung sämtlicher Pfeiffen und eines Grossteils des Holzgehäuses, neu arrangiert. Dank der Rekonstruktion der ursprünglichen Gestaltung kann die Empore heute wieder durch Chöre und Orchester genutzt werden, während die architektonische Konzeption Hermann Baurs wieder gesamtheitlich erlebbar ist.Â
Krypta Die elliptische Grundrissgeometrie der Krypta stellt hinsichtlich Raumakustik eine besondere Herausforderung dar. Im Rahmen der Renovation konnte das seit der Bauzeit bestehende Defizit behoben und die Sprachverständlichkeit stark verbessert werden. Die eigens entwickelte Akustikverkleidung hinter dem Altar erinnert an ein Tryptichon. Die vorfabrizierten Panele sind als Kästen mit schallabsorbierender Dämmhinterlage und einem Frontrelief aus profilierten, schallbrechenden Eschenholzstäben ausgebildet.Â
Erinnerungsraum Die leichte Verschiebung der konischen Aussentreppe ermöglichte den Einbau eines Lifts neben dem Seiteneingang an der Nordfassade. Von hier gelangen die Besucher via den neuen Erinnerungsraum hindernisfrei zur Krypta.
Renovation Kirche St. Laurentius Winterthur
2025
Verfahren
Planerwahlverfahren 1. Rang
Bauherrschaft
Römisch katholische Kirche in Winterthur
Planung und Bauleitung
Lauener Baer Architekten
Mitarbeit
Jean Hartmann, Felix Wolfrum, Rebecca Müller
Bauingenieur
Aerni & Aerni AG, Zürich, Markus Aerni
Bauphysik
BWS Winterthur, Christoph Keller
Akustik
applied acoustics GmbH Gelterkinden, Martin Lachmann, Christiane Bangert